Gastbeitrag: Die Kunst einen Blog nicht komplett zu versauen

….oder warum lacht Fürst Albert nicht?

Ich hatte das Vergnügen mit Frau Klüsch einen Hochtempel der Essenskultur zur späten Abendstunde aufzusuchen und wurde überredet, einen Gastbeitrag über das Verfassen von Blogs zu schreiben. Und wer einmal mit dem Gedanken gespielt hat, einen Blog zu erstellen, wird schnell über die zwei grundsätzlichen Fragen stolpern: „Über was soll ich schreiben?“ und „Wie schreibe ich einen Blog?“.

Die Suchmaschine von Tante Google liefert hierzu eine beeindruckende Anzahl von Suchergebnissen, die erstaunlich viele Gemeinsamkeiten im Inhalt haben. Da muss man sich natürlich als Autor fragen, wie oft man das gleiche Thema variieren kann, ohne dass die Leser den Blog fluchtartig verlassen.

Der eigene Blog und wie man ihn nicht versaut

Gleich vorneweg: Man kann es nur sehr begrenzt. Das Rad wird auch mit diesem Beitrag nicht neu erfunden werden. Nach über einem Jahrzehnt des Phänomens „Blog“ gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner, was funktioniert und was man vermeiden sollte. Es existiert eine große Anzahl Artikel im Netz, die detailliert Punkt für Punkt erklären, wie ein guter Blog strukturiert ist, wie man den Text für die Suchmaschinen optimiert oder was zum Beispiel eine Keyword-Recherche ist.

Vernünftige Regeln, die in ihrer stetigen Wiederholung allerdings das gleiche Déjà-vu auslösen, wie es beim Lesen gewisser Zeitschriften entsteht, die bei einem Friseur der alten Schule ausliegen. Neben den Reportagen über weinende Adelige und deren erotische Abenteuer mit zukünftigen Prinzessinnen finden sich die immer gleichen Tipps & Tricks für Haushalt, Schönheit und Wohlbefinden. Recycling von Inhalten, um die Zeitschriften mit Text und die Herzen der Menschen mit Hoffnung zu füllen: Befolgen Sie diese zehn Ratschläge, dann werden Sie nicht nur schöner und erobern die Frau Ihrer Träume, sondern es erwarten sie auch Reichtum und Macht.

Oder Anerkennung durch die Leser, Ruhm und ein regelmäßiges Einkommen durch AdSense. Ist dem so? Um es mit Radio Eriwan zu sagen: im Prinzip ja, aber… 

Viele dieser Beiträge sind zu empfehlen und einige sind von Profis für Profis geschrieben. Man kann also etwas lernen und es ist nicht verkehrt, dieses Wissen zu verinnerlichen und anzuwenden.

Was uns die meisten Seiten – als auch die Lektüre beim Friseur – verschweigen, sind jedoch die kleinen Details am Rande. Man nimmt keine 30 Kilogramm dauerhaft durch die neue Wunderdiät aus Brigitte ab, wenn man nicht sein Leben und seine Gewohnheiten dauerhaft umstellt, kurz: Das Training „Heben der Fernbedienung für den Fernseher“ muss auf echte sportliche Aktivitäten umgestellt werden. Der geliebte Süßkram wird durch ordinäre Möhren ersetzt. Woche für Woche, Jahr für Jahr.

Damit gewinnt man natürlich nicht viele neue Freunde, Follower oder „Likes“ auf Facebook, denn niemand will so ein demotivierendes Zeug lesen, selbst wenn es der Wahrheit entspricht. Es gibt auch auf den meisten Seiten für Blogger ein paar Punkte, die gerne bei den „Tipps & Tricks für einen erfolgreichen Blog oder Schreibe“ vergessen werden. Man braucht nicht nur Talent, Kreativität und das Gespür für die richtigen Themen, sondern auch eine Menge Glück (nicht zu unterschätzen) und die Bereitschaft zur Selbstverleugnung. Voraussetzungen, die über das bloße Erlernen eines Handwerks hinausgehen.

Vor allem der Punkt „Selbstverleugnung“ ist eine interessante Geschichte, die einen überraschen kann, wenn man anfängt, sein Geld mit dem geschriebenen Wort zu verdienen. Entgegen der landläufigen Meinung steht es den meisten Bloggern nicht frei, die eigene Meinung oder Gedanken ungeschminkt wiederzugeben und den bevorzugten Schreibstil zu verwenden. Es gilt Erwartungshaltungen zu erfüllen, vor allem dann, wenn es um den Aufbau einer Community oder eines Kundenstamms geht. Da ist das Talent „Selbstverleugnung“ gefragt oder die Kunst von der „Darstellung einer normierten Gefühlswelt, die nicht die Eigene ist“.

Nicht jeder ist als Schauspieler oder Gebrauchtwagenhändler geboren, aber deren Talent die richtigen Worte für die aktuelle Gemütslage der Kunden zu treffen, sollte man als Schreiber sein Eigen nennen. Kann ich das überzeugend?

Dann ist der erste Schritt auf dem Weg zu einem erfolgreichen Blog getan. Man muss lernen, eine bewusste Differenzierung zwischen den Personas zu treffen: dem „Privaten Ich“ und dem „Lohnsklaven“. Und das ist wichtig für das Seelenheil, einen gefüllten Geldbeutel und die Weiterentwicklung als Autor. Wenn man mich also mit der Frage konfrontiert, wie ich einen Blog schreibe und wie ich darüber denke, dann habe ich zwei grobe Grundhaltungen:

1. Ich schreibe für mich selber, also breche ich selektiv die Regeln

Ein weiterer hübscher Merksatz aus dem Bereich der Kommunikation und Psychologie ist, dass man nur auf der Basis seiner Persönlichkeit erfolgreich mit anderen Menschen arbeiten kann – das gilt auch in einem übertragenen Sinne für das Schreiben.

Auch wenn ich im wirklichen Leben kein zynischer Stinkstiefel bin, kann ich durchaus sarkastisch das Weltgeschehen betrachten und liebe es mit gängigen Vorurteilen in meinen Texten zu arbeiten. Eine Angewohnheit, die man bei ernsthafter Arbeit für eine Agentur oder Institution meiden sollte, wie der Teufel das Weihwasser.

Für jeden Menschen, der damit etwas anfangen kann, wachen zwei weitere von Humor befreite Menschen jeden Morgen auf: „Shitstorm incoming!“. Aber es ist meine Art und Weise die Welt zu begreifen und mit meiner eigenen Stimme zu sprechen.

Ich kann nicht für andere Menschen sprechen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Einhaltung der „Goldenen Regeln der Blogschreibkunst“ meiner Weiterentwicklung als Schreiber im Wege steht. Daher breche ich selektiv die Regeln, auch wenn die Idee der Innovation durch das Brechen von Regeln schon so alt ist, dass es wiederum zu einer eigenen goldenen Regel geworden ist.

Nun, wichtig ist: Es steht mir frei die guten Ratschläge zu ignorieren, um einen Standpunkt zu verdeutlichen. Was man auch gut in diesem Beitrag sieht: Profanität, subjektive Meinungen, Gemeinplätze, Länge des Textes und fragwürdige Vergleiche – erlaubt ist, was gefällt.

2. Ich arbeite für jemand anderen, also geht es streng nach Vorschrift

Ich singe glücklich das Lied meines Herrn und der Geldgeber bekommt den Text in der Sprache, die er sich wünscht. Frustrationstoleranz und Schmerzfreiheit sind die beiden Schlüsselwörter zum Erfolg. Solange mein Spiegelbild am Morgen mir keinen rechten Haken verpasst, schlucke ich meine persönliche Meinung und Überzeugung runter.

Wenn Kompetenz auf den Tisch gelegt werden muss, um einen potenziellen Auftraggeber zu überzeugen, kann ich fehlerfrei aus der Bibel „Search engine optimization – Prayers of Hope & Believe“ die wichtigsten Stellen zitieren. Ich benutze jeden Trick und hilfreichen Hinweis aus den Tiefen des Internets, um Leser und Likes zu bekommen – selbst wenn es nicht mein persönlicher Stil ist. Was man alleine mit einer Überschrift erreichen kann – dazu empfehle ich, die magischen Worte „John Carlton“ und „Headlines“ in einer Suchmaschine einzugeben.

Natürlich sind die Grenzen im wirklichen Leben nicht scharf gezeichnet. Es gibt viele Grautöne, Schattierungen und Überschneidungen in beiden Grundhaltungen. Vieles davon sind Selbstverständlichkeiten, über die man selten nachdenkt, aber dann doch in beiden „Gebieten“ zur Anwendung kommen. Und damit ich meine Bringschuld tilgen kann, etwas mehr über das Verfassen von Blogs zu schreiben … Hier sind meine persönlichen Top 3, damit ich einen Blog nicht komplett versaue:

Die Top 3 von Frater Bartmoss

Texte überarbeiten und einen Nutzwert erschaffen
Egal, ob man bare Münze für das geschriebene Wort bekommt oder ob man für sich selber schreibt, man sollte sich in folgenden Punkten bei allen Blogbeiträgen professionell verhalten: Interpunktion, Rechtschreibung, funktionierende Links, Angabe von Quellen und Überarbeitung des Textes.

Zum Letzteren gehört auch die Kunst, komplexe Sachverhalte mit einfachen Worten zu erklären. Kompetenz ist nicht proportional zu einer Anhäufung von Fremdwörtern in einem Text, also: Anstelle von „sukzessiver Approximation“ einfach „schrittweise Annäherung“ schreiben, auch wenn die eigene Eitelkeit dann in einer Ecke schmollt. Ein Text, der ein komplexes Thema gut und einfach erklärt, wird in der Regel tatsächlich gelesen und vor allem weiter empfohlen.

Nimm deine Leser ernst: Inhalt und Sprache
Ein schwieriges Thema, das vor allem den angesprochenen Punkt „Selbstverleugnung“ betrifft und wie weit ich damit gehen will. Generell gilt: Der Inhalt der Beiträge sollte die Sprache, Jargon und gängigen Meme der Zielgruppe widerspiegeln.

Darüber gibt es eine bestimmte Erwartungshaltung des Publikums und je besser diese erfüllt wird, desto bereitwilliger überlassen sie Vermögen und den Griff zur Weltherrschaft. Lernt und sprecht die Sprache eurer Kunden, analysiert andere Blogs, Foren oder Magazine zu den gleichen Themen und etabliert euch als eine Autorität, deren Inhalte man trauen kann.

Reputation ist etwas, dass man sich auch mit mangelndem Talent erarbeiten kann und deshalb angestrebt werden sollte. Dabei helfen oft der gesunde Menschenverstand und eine gewisse Sensibilität bei der Sache. Verkneift euch in einem Tech-Blog euren Lesern zu erklären, was Cookies sind und wie man diese löscht. Kein Kfz-Mechaniker würde auf die Idee kommen, dem Autofahrer zu erklären, dass Benzin und ein Lenkrad zum Fahren eines Autos nötig ist – du hast es immerhin geschafft, deine Schrottmühle in seine Werkstatt zu bringen.

Textumfang: Qualität vor Kürze
Meiner Meinung nach sollte Qualität nicht für die Kürze eines Textes geopfert werden. Die Lesegewohnheiten haben sich jedoch geändert und an die technischen Geräte des Alltags angepasst. Wir leben im Zeitalter des Smartphones und viele Menschen gehen in ihrer Freizeit nur noch über diese Kommunikationsknochen in das Internet. Das heisst ein kleiner Bildschirm, eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und die nächste Information oder Webseite ist nur ein Wisch mit dem Zeigefinger entfernt.

Sollte in euch der Wunsch entstehen, dass eure Texte auch gelesen werden, dann ist die Reduzierung von Bleiwüsten auf die Vermittlung wesentlicher Inhalte ein guter Anfang. Die Kunst ist es, eine gute Mischung aus Textlänge und Inhalt zu finden. Vermeidet den Fehler dieses Beitrages und kürzt beherzt!

Und ein letzter Tipp …

Das Wichtigste am Schluss: Lernt und liebt kleine Geschichten zu erzählen. Aus einem einfachen Grund: Menschen lieben Geschichten.

Wenn es etwas gibt, das den Menschen vom Tier unterscheidet, dann ist es seine Begeisterung für Erzählungen, Sagen, Märchen, Anekdoten, kleine Geschichten und Mythen. Viele Beiträge bleiben nur wegen einer kleinen Geschichte im Gedächtnis und vor allem regelmäßige Leser sind interessiert daran, wie zum Beispiel der Autor auf ein bestimmtes Thema gekommen ist. Ihr seid im Aufzug mit einem Wissenschaftler aus CERN zwei Stunden steckengeblieben? Lasst den Leser daran teilhaben und wissen, wie es zum Beitrag über Schwarze Löcher in den Handtaschen von Frauen gekommen ist. Hochinteressantes Tatsachenmaterial von einem der führenden Wissenschaftler, ich schwör!

Hinweis zum Autor Frater Bartmoss. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich ein Blogger und Autor, der hin und wieder über das digitale Zeitalter oder einfach nur Geschichten schreibt. Über das Bloggen und unsere Kultur hat er manchmal sehr spezielle Ansichten, welche die eine oder andere Synapse des menschlichen Gehirns in unheilige Schwingungen versetzt. Mehr von Frater Bartmoss gibt es hier zu lesen, einer unfertigen Baustelle aus Wortklaubereien und groben Unfug.

Bildquelle: © enterlinedesign – Fotolia.com

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